Obama entsorgt Russlands Spione per Luftfracht | < zuruck
Autor: admin @ Fr Jul 09, 2010 7:58 pm
Agentendeal mit Moskau Obama entsorgt Russlands Spione per Luftfracht
Von Benjamin Bidder, Moskau
Zwei Flugzeuge landen in Wien, diskret und schnell steigen 14 Spitzel von einer Maschine in die andere: Mit einem Agentenaustausch wie im Kalten Krieg haben die Präsidenten Obama und Medwedew den Spionageskandal um Anna Chapman & Co. beendet. In Moskau werden die Ausgeflogenen wie Helden empfangen.
"Anna kommt heim", sagt Irina Kuschtschenko. "Endlich kann ich meine Tochter wieder in die Arme schließen."
Ob Töchterchen Anna aber, die Russland schon vor Jahren den Rücken kehrte, die in London und Amerika das schillernde Leben der Business-Bohème schätzte und New York als größte Inspiration ihres Lebens pries, gerne zurückkommt? Nach Moskau?
Anna Chapman, 28, geborene Kuschtschenko und in den vergangenen Wochen als Russlands attraktive "Agentin 90-60-90" zu gewisser Bekanntheit gelangt, ist auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo gelandet. Gemeinsam mit den neun weiteren russischen Spionen, die dem amerikanischen FBI vor zwei Wochen ins Netz gegangen waren, wurde Kuschtschenko alias Chapman jetzt nach Moskau ausgeflogen und gegen vier Russen ausgetauscht. Letztere sollen für westliche Geheimdienste Informationen in Russland beschafft haben. Der Nuklearwissenschaftler Igor Sutjagin etwa saß deshalb bereits zehn Jahre in Haft.
Der Agentenaustausch auf dem Flughafen in Wien ruft Erinnerungen an den Kalten Krieg wach. Auch damals tauschten Ost und West Gefangene aus, zum Beispiel über die Glienicker Brücke zwischen Westberlin und Potsdam.
"Nichts zu berichten, was wir nicht ohnehin schon wussten"
Aber es gibt einen Unterschied: Im Kalten Krieg dauerte es Jahre, bis sich Kreml und Weißes Haus auf vergleichbare Deals verständigten. US-Pilot Francis Gary Powers, dessen Aufklärungsmaschine 1960 über der Sowjetunion abgeschossen wurde, musste fast zwei Jahre darauf warten, bis er die Brücke im Februar 1962 in die Freiheit überschreiten konnte. Die Amerikaner ließen im Gegenzug Rudolf Abel frei, einen sowjetischen Top-Spion, schon 1957 verhaftet und verurteilt.
Die Präsidenten Dmitrij Medwedew und Barack Obama boxten den "Spy Swap" dagegen nun in rekordverdächtigem Tempo durch. Die Übereinkunft sei dank des "neuen Geistes der russisch-amerikanischen Beziehungen und des hohen Niveaus des gegenseitigen Verständnisses der Präsidenten beider Länder" möglich, hieß es aus dem Kreml. Ähnlich euphorisch äußerte sich der Sprecher des Weißen Hauses, Ben Rhodes.
Ein namentlich nicht genannter US-Top-Beamter berichtete der "New York Times", CIA-Chef Leon Panetta und Michail Fradkow, Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, seien unmittelbar in die Verhandlungen involviert gewesen. Washington habe sich auch deshalb zu dem Austausch entschlossen, weil die gefassten Agenten "uns wirklich nichts zu berichten gehabt hätten, was wir nicht ohnehin schon wussten".
Obama hat, mit freundlicher Unterstützung des Kremls, die erste echte Belastungsprobe seit dem "Neustart" der Beziehungen gemeistert - und die für das bilaterale Verhältnis derzeit wohl gefährlichsten Risikofaktoren zügig außer Landes geschafft. Als der Skandal Mitte Juni hochkochte, ätzte Russlands Außenminister Lawrow, der Augenblick des FBI-Zugriffs sei "ja raffiniert gewählt". Obama und Medwedew aber reagierten besonnen. Als der US-Präsident von einem Reporter zu dem Thema befragt wurde, beschied er ihn mit einem schlichten "Thank you". Mehr nicht.
Warum der Highspeed-Deal beiden nützt
Die beiden Staatschefs, die sich beim jüngsten USA-Besuch Medwedews beim Burger-Essen fotografieren ließen, verbindet ein herzliches Verhältnis. Seit den monatelangen Marathonverhandlungen über den neuen Abrüstungsvertrag sind sie bestens miteinander vertraut.
Russische Medien vermuteten gar, die FBI-Operation gegen den russischen Spionagering sei wohl ein gezielter Schlag amerikanischer Falken gegen Obamas Kuschelkurs gegenüber Moskau. Immerhin hatten US-Behörden die "Deep-Cover"-Agenten bereits seit Jahren observiert und schlugen ausgerechnet im Anschluss an Medwedews Staatsbesuch im Juli zu. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung ist laut Umfragen gar davon überzeugt, der ganze Skandal sei lediglich inszeniert worden, um Russland zu schaden.
Der Deal nützt nun beiden Seiten. Die zu erwartenden Enthüllungen in einem Prozess gegen Moskaus Späher wären Gegnern von Obamas Russland-Politik als Munition willkommen gewesen. Auch Russland entledigt sich eines Problems: Menschenrechtler kritisieren den Kreml seit Jahren für die Verurteilung von Wissenschaftler Sutjagin und halten an seiner Unschuld fest, genauso wie er selbst.
Jetzt unterzeichnete Sutjagin ein Anerkenntnis seiner Schuld. Es war die Bedingung für seinen Austausch.
"Schon die Tatsache, dass die Amerikaner über seinen Austausch verhandelten, beweist, dass er ihr Spion ist", sagte der kremltreue Politologe Sergej Markow. Ein Resultat der Affäre sei daher "die völlige Diskreditierung gewisser Menschenrechtler".
Wohnung und 2000 Dollar pro Monat für die russischen Pannenspione
Auch Washington verlangte seinerseits von den russischen Spionen allerdings ein Geständnis.
So stehen nun nicht nur deren Decknamen in den Unterlagen des US-Justizministeriums, sondern auch die Klarnamen: "Vereinigte Staaten g. Wladimir Gurjew, a/k/a 'Richard Murphy'". Als Richard Murphy hatte Gurjew gemeinsam mit seiner Frau Lydia ("Cynthia Murphy") in einem Vorort von Manhattan gewohnt. Dort führten die Murphys ein scheinbar typisch amerikanisches Leben, sie pflegten beste Kontakte zu ihren Nachbarn - und ihre Hortensien.
Anna Chapman, geborene Kuschtschenko, hat keinen Decknamen. Sie hat einst einen jungen Engländer geheiratet. Die Ehe ging in die Brüche - aber seither besitzt Chapman, ganz Weltbürgerin, nicht nur einen englischen Nachnamen, sondern auch die britische Staatsbürgerschaft.
Moskau wird sie wie eine Heldin empfangen, und der russische Staat hat jedem seiner aufgeflogenen Agenten eine Wohnung sowie monatlich 2000 Dollar versprochen.
Für Anna Chapman wird die russische Hauptstadt dennoch nur ein Zwischenstopp sein. Sie will fort, sagt ihr Anwalt Robert Baum. Sie will nach Großbritannien.
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